gotteskrieger
Vor vielen Jahrhunderten gab es eine kleine Insel, die wurde vom Diktator eines Nachbarlandes angegriffen. Dieses böse Nachbarland strotze nur so vor Reichtum und es verfügte über eine gefürchtete Armee. Nachdem sie mit ihren Schiffen gelandet waren marschierten sie ohne nennenswerten Widerstand auf die einzige Stadt der Insel zu. In ein paar Stunden würden sie dort eintreffen und alles verheeren. Den Anführern der Insel blieb nur wenig Zeit und sie diskutierten verzweifelt ihre Möglichkeiten. Zahlenmäßig waren sie unterlegen, ebenso ausrüstungsmäßig und ehrlich gesagt waren sie auch die schlechteren Kämpfer. Die Niederlage war unabwendbar.
Nun war es üblich, dass die Anführer niemals eine wichtige Entscheidung trafen, ohne zuvor das Orakel befragt zu haben. Das Orakel wohnte in einem kleinen Tempel, der etwas außerhalb der Stadt lag. Dort versammelten sie sich also und berichteten ihm, was vor sich ging. Das Orakel zog sich sogleich zurück. Es meditierte etliche Stunden, ehe es sich schweren Herzens an die Versammlung wandte: “Es tut mir leid, aber mir wurde mitgeteilt, dass sich Gott selbst auf die Seite unserer Feinde geschlagen hat und sie mit all seiner Macht unterstützt.”
Wie zu erwarten versetzte die Antwort die Herzen der Anführer in Angst und Schrecken. Die einen riefen: “Wir müssen uns ergeben und beten, dass sie uns verschonen.” Andere erwiderten: “Nein, wir sollten die Schiffe klar machen, die Segel hissen und so viele Menschen wie nur geht an Bord nehmen. Vielleicht können wir in der Dunkelheit unbemerkt fliehen.” Der oberste Anführer jedoch blieb ruhig und sagte: “Bitte vertraut mir. Ich weiß was zu tun ist. Erlaubt mir uns durch diese dunklen Stunden zu führen.” Da ihr Chef ein hohes Ansehen genoß, willigten die anderen ein, wenn auch zögerlich.
Sofort trommelte der Anführer alle kampffähigen Männer der Stadt zusammen. Dann schickte er aber die Väter von kleinen Kindern nach hause. Danach sollten auch diejenigen gehen, die weniger als ein Jahr verheiratet waren. Schließlich durften nur dir bleiben, die wirklich kämpfen wollten. Am Ende dieser Prozedur blieben nicht einmal tausend Mann übrig … was sehr wenig war im Vergleich zu der Armee, der sie in Kürze gegenüber stehen sollten.
Die tapferen Krieger bekamen Rüstungen und marschierten hinter ihrem Chef auf die heraufziehende Armee zu. Es wurde ein blutiger Tag und viele ließen ihr Leben. Doch, zur allgemeinen Überaschung, wurde der Diktator und sein bis dahin unverwundbares Heer vernichtend geschlagen. Am Ende des Tages befand sich der Feind auf dem Rückzug.
Die gesamte Insel war fassungslos, als sie hörten, dass die Gegner geflohen waren. Das Orakel war sogar noch verwirrter als alle anderen Bewohner, denn es wußte ja, was den meisten Bürgern verschwiegen worden war: nämlich dass Gott auf der Seite der Feinde stand und an ihrer Seite kämpfte. Ratlos verließ es seinen Tempel und suchte nun seinerseits den obersten Anführer auf: “Vorher wußtest Du, dass Du kämpfen sollst, wo die Chancen so schlecht standen und obendrein Gott selber gegen Dich antrat?”
Mit einem Lächen antwortete der Chef: “Es war Deine Botschaft, die mich überzeugt hat, zu kämpfen statt zu fliehen. Denn jeder weiß doch, dass es völlig egal ist, wer im Kampf Gott auf seiner Seite hat. Denn wenn Gott zugegen ist, werden immer die Schwachen und Unterdrückten siegen.”
(c) Übersetzung einer Parabel aus The Orthodox Heretic, mit freundlicher Genehmigung von Paraclete Press.