1. überzeugungen

    Übersetztung eines philosophischen Artikels von Pete Rollins …

    Ich lebe meine Überzeugung, auf dass sie eines Tages Wirklichkeit wird

    Dieser Artikel beschäftigt sich mit Überzeugnungen. Ich möchte aufzeigen, wie wichtig es ist, zu trennen zwischen Überzeugungen und empirisch belegbaren Aussagen. Im Grunde ist die Idee, jede Überzeugung belegen zu können, genau das was Überzeugungen ihrer Wirkungskraft beraubt. Eine Überzeugung muss zwar verstanden werden als Aussage über die Dinge, von denen sie spricht, darf aber nicht auf Fakten begrenzt werden. Kurz gesagt: Überzeugungen stehen und fallen nicht mit der Beweislage.

    Nehmen wir zum Beispiel die Diskussion um generelle Menschenrechte. Niemand argumentiert für die “Gleichheit aller Menschen” (all man are created equal) in dem er in wissenschaftlichen Studien die Intelligenz oder das Selbstbewußtsein verschiedner Geschlechter oder verschiedener Rassen vergleichen läßt. Wir würden schmunzeln über einen Forscher, der versuchte eine derartige Aussage mit Zahlen zu belegen. In dem Augenblick, in dem wir diese Überzeugung den Statistikern übergäben, wäre sie bereits entscheident beschädigt. Anderes Beispiel: wenn jemand argumentiert, Folter wäre falsch, weil sie nicht funktioniere bzw. weil sie nicht effizient die gewünschten Informationen zu Tage förderte, hätte er schon viel zu weit nachgegeben, selbst wenn er die Diskussion als Sieger verließe. Wie Zizek schon sagte, war das verstörende an dem Eingeständniß der Folter durch die Bushregierung nicht das Eingeständniß an sich (das wußten wir ja schon längst, es gab ja Hinweise auf Gefangentransporte mit Zwischenstopp in UK). Das wirklich Erschreckende war doch, dass sie das Tabuthema enttabuisierten. In dem sie eine Diskussion über das Für und Wider von Folter eröffneten, haben sie die Vereinigten Staaten in schwieriges Fahrwasser gelenkt. Laut Zizek sind wir uns alle einig, dass Vergewaltigung falsch ist, aber wir zählen niemals Argumente dagegen auf. Es wäre eine moralische Katastrophe, wenn Vergewaltigung etwas wäre, wo man Pro und Contra gegenüberstellen würde.

    Zurück zum Glauben an die Menschenrechte. Das ist eine Überzeugung, die sich manches Mal mit den empirischen Funden deckt und mal ihnenwiderspricht. Es ist eine Überzeugung, weil wir danach leben, weil sie uns inspirieren und wir für sie kämpfen, und das obwohl wir ohne weiteres zugeben können, dass ihnen eine erkenntnistheoretische Grundlage fehlt. In diesem Sinne ist es also eher ein Instrument, um die Welt zu verändern, als eines, das sie beschreibt. Beispielsweise mag es stimmen, dass eine bestimmte Schicht der Bevölkerung im Schnitt mehr Verbrechen begeht als andere. Doch genau die Überzeugung, dass keine Gruppe krimineller ist als andere hilft dabei, die Welt so zu verändern, dass sie unserer Überzeugung ähnlicher wird.

    In diesem Fall beschreibt unsere Überzeugung über das Wesen der Dinge nicht den Ist-Zustand, sondern trägt etwas bei zum Soll-Zustand. Eine solche Behauptung hat eine eschatologische Dimension: das was wir behaupten, dass es “sei”, ist “noch nicht”. Die Behauptung kann in der Gegenwart nicht durch Fakten untermauert werden, aber sie schafft die Fakten, sobald man danach handelt.

    Im Kampf zwischen dem christlichen Fundamentalismus und der Wissenschaft geht der Raum für Überzeugungen verloren. Denn der christliche Fundamentalist will seine theologischen Behauptungen als wissenschaftliche Aussagen verstanden wissen. Er nimmt seinen Überzeugungen die Tragkraft, indem er behauptet, sie seien wissenschaftlich belegt. Nehmen wir einen traditionellen christlichen Glaubensinhalt, die Göttlichkeit Christi. Der springende Punt ist nicht, diesen Glaubenssatz empirisch zu belegen, als gäbe es da so ein Leuchten in Jesu Augen, das das bewiese. Er ist eine Überzeugung, weil er nicht scheitert an seiner Absurdität (dass das Fleisch und Blut eines verletzbaren Wesens die Inkarnation des Schöpfers der Welt sei). Soll nicht heißen, dass Glaubensüberzeugungen immer absurd sein müssen, es gibt ja Fälle, wo sie in jeder Hinsicht Sinn ergeben. Worauf ich hinaus will, ist aber, dass unsere gegenteiligen Erfahrungen uns nicht von unserer Überzeugung abbringen.

    Eine Überzeugung ist also eine Aussage, die von jemand vollends bekräftigt werden kann, der gleichzeitig ihre Absurdität eingesteht und zugibt, selber daran zu zweifeln. Vielleicht die höchste Form der Erkenntnis. Denken wir an Umweltaktivisten, die gegen den Bau einer Autobahn durch einen Wald demonstrieren. Gut möglich, dass viele oder sogar die meisten Demonstranten sowohl an den Sinn ihrer Mission glauben als auch an deren Rechtfertigung zweifeln. Sie wissen, dass die Autobahn nach rationalen Gesichtspunkten nötig ist. Sie wissen, dass sie bei einer Podiumsdiskussion den Kürzren ziehen würden. Wieso? Weil die vorherschende ideologische Gesinnung selbst den Rahmen steckt für jedwede rationale Überlegung. Also warum demostrieren sie? Weil sie überzeugt sind von einer Realität, die noch nicht existiert und die, sobald Wirklichkeit geworden, ihre Taten rechtfertigt. Sie kämpfen ohne Rechtfertigung für eine Welt, in der es gerechtfertigt wäre.

    I believe it now so that one day it may be true