1. traum vom 9:0

    Ich habe einen Traum. Er handelt von Fussball, aber eigentlich auch von mehr.

    Aus irgendeinem Grund, vermutlich ein Pokalspiel, müssen die Bayern in Düsseldorf antreten. Und dort werden sie von Fortuna Düsseldorf mit 9:0 vernichtend geschlagen.

    Doch Zahlen sagen so wenig aus über das, was sich an dem Abend zugetragen hat und auch Worte wie Sensation, Jahrhundertspiel oder das Wunder von Düsseldorf werden es niemanden begreiflich machen können, der nicht selber dabei war. Selbst die Menschen, die Uerdingen-Dresden, Lendl-Chang oder den Sprung von Bob Beamon mit eigenen Augen gesehen haben und gerne blumig und ausschweifend davon erzählen, werden vergeblich um Worte ringen.

    In einem Traum ist vieles möglich und ich sehe das Geschehen mal von ganz oben auf der Tribüne, mal kann ich die jubelnden Spielern beinahe selber abklatschen. Das Einszunull fällt bereits in den Anfangsminuten, bald darauf gefolgt vom Zweizunull und ich erinnere mich an ungläubige Gesichter, verstörte Blicke gemischt mt kindlicher Freude und ein Publikum das jetzt erst aufwacht, denn etwas erwartet hatte es nicht. Ehe eine Viertelstunde rum ist, steht es Dreizunull. Gerne würde ich berichten, wie die Tore fallen, aber ich weiß über ihre Entstehung nichts. Auch später wird man, fragt man bei fünf Leuten nach, fünf verschiedene Antworten bekommen. Es sind nicht wirklich Glückstore, aber auch keine glanzvollen Angriffe, soviel kann ich sagen, sondern sie fallen auf ihre eigene Art, wie man so sagt aus heiterem Himmel, nur krasser. Der neue Spielstand ist einfach da und braucht keine Vorgeschichte.

    Jeder kennt wohl das Gefühl, wenn man instinktiv weiß, dass etwas zu schön ist, um wahr zu sein. Wenn man sich nicht über den Augenblick freuen kann, weil man mißtrauisch nach dem Schicksalsschlag äugt, der unabwendbar jeden Glücksmoment zu nichte machen wird und man sicher lieber noch nicht freut, um die Enttäuschung später nicht allzu groß werden zu lassen. Mit dem Vierzunull fällt dieses Gefühl völlig von uns ab.

    Spätestens jetzt hat jeder in der Arena begriffen, dass dieser Tag zu Höherem auserwählt wurde und das Schicksal in eine Einbahnstraße eingebogen ist, die es nun bis zum Ende fahren muss.

    Der Stadionsprecher nennt die Vornamen der Torschützen und die Gemeinde stimmt in die Nachnamen ein. Namen die viele erstmals heute im Stadionheft oder auf der Anzeigetafel gelesen haben, Namen die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden.

    Kurz vor der Pause geschieht das Fünfzunull. Unmittelbar danach lassen Verantwortlichen der großen Brauereinen verkünden, dass heute niemand mehr für sein Bier bezahlen muss. Wie wir sehen werden, wird heute noch vieles umsonst sein, denn wer mag sich an so einem Tag bereichern. Die Pause wird genutzt um sich mit Getränken und kostenlosen Würstchen einzudecken.

    Das nächste was passiert hat dann endgültig nichts mehr mit Fussball zu tun. Erst leise, aber doch nicht ganz vom Stimmengewirr verschluckt, erklingt eine Melodie. Immer lauter wird der Fangesang. Ein neues Lied und doch klingt es bekannt. Einerseits ein Stadionlied, ja, aber auch wie ein Choral. Eine langsame, getragene Melodie, wie bei einem Triumphzug, voll Würde und voll Ehrfurcht für den Augenblick. Wer mal in Liverpool im Stadion war, mag den Hauch einer Ahnung haben. Die Fans singen es immer und immer wieder. Eine Endlosschleife, doch wird man das Lied auch nach etlichen Wiederholungen nicht leid. Es klingt bereits beim ersten Mal hören so vertraut, so logisch, so natürlich, dass man denkt, man habe es schon immer gekannt. Als hätte es schon immer existiert, selbst wenn es heute Abend das erste mal gesungen wird.

    Ich erlebe die zweite Halbzeit als Traum. Natürlich weiß ich ja, dass es ein Traum ist, den ich hier aufschreibe, aber auch im Traum selber erscheint es unwirklich, obwohl es doch zweifelsohne real geschieht.

    Das Sechszunull, Siebenzunull, Achtzunull und Neunzunull werden nicht mehr abgekündigt und auch nicht mehr bejubelt, denn da ist ja ohne jede Unterbrechung dieses Lied. Allenfalls mag es bei neuen Toren etwas lauter, etwas inbrünstiger klingen, aber eigentlich ist der Kick auf dem Rasen schon Nebenschauspiel.

    Nach 90 Minuten endet der Sport dann komplett. Es bedarf dazu keines Abpfiffs, sondern die Akteure beschließen ihre Vorstellung einfach und setzen sich aufs Spielfeld, das sich sofort mit Menschen füllt. Immernoch ist der Gesang nicht leiser geworden. Immer und immer wieder wird das Lied von neuem begonnen. Gefeiert werden nicht die Spieler. Tatsächlich werden die Spieler beinahe ignoriert, wie sie da im Gras sitzen, sind wie wir Zuschauer und nicht Vollbringer des Spektakels, das über uns hereingebrochen ist.

    Wäre noch das Feuerwerk zu erwähnen, das große japanische Feuerwerk, das erst für Freitag bestimmt war und dann auch für die Rheinwiese gegenüber der Kirmes. Aber man hat es hergebracht und feuert es jetzt ab wo es hingehört. Nach einer halben Stunde im Lichtermeer untermalt von dieser Gänsehautmelodie flimmert der letzte und schönste Böller (die Königin der Nacht) über den Himmel und dann bleibt er schwarz.

    Die Menschenmassen verlassen das Stadion, verteilen sich über die Stadt, die Rheinkirmes, die Altstadt, den Hafen und überall wird man noch bis vier, fünf Uhr morgens diese Melodie hören. Und wer im Morgengrauen mit dem (kostenlosen) Taxi zum Bahnhof fährt, dem wird es das Autoradio nochmal vorsummen.

    Ich durchlebe diesen Traum mit allenmöglichen Leuten, die mir etwas bedeuten, und auch wenn ich tatsächlich nur mit ein paar wenigen dagewesen sein kann, wird es sich so in unser kollektives Gedächtnis einbrennen, dass es egal sein wird, wer wirklich dabei gewesen ist.

    Fussball ist so viel mehr als ein Spiel.