1. als noch nicht alles entdeckt war

    Zu einer Zeit als schon vieles entdeckt war, aber zum Glück noch nicht alles, stach ein Schiff in See. Die Seeleute waren allesamt Abenteurer und träumten davon, ein neues Land zu entdecken. Viele von ihnen hatten schon als kleines Kind an den Lippen der Eltern gehangen, als diese von fernen Kontinenten und gefährlichen Reisen erzählten. Viele von ihnen hatten sämtliche Entdeckerromane verschlungen. Alle waren sie bereit bis ans Ende der Welt zu segeln, wenn dort nur eine kleine Entdeckung zu machen wäre. Ihr Schiff hatte kein bestimmtes Ziel und war an keinen Kurs gebunden. Sie wollten so lange wie nötig die sieben Weltmeere durchstreifen, bis sie endlich ein noch unentdecktes Fleckchen Erde fänden.


    Oft sprachen sie darüber, wie das neue Land wohl sein würde. Würde es dort ganz andere Tiere geben? Was für Pflanzen wuchsen dort? Gäbe es dort vielleicht sogar die sagenumwobenen Meerjungfrauen? Jeder hatte seine eigene Vorstellung und wenn sie ins Schwärmen kamen, redeten alle durcheinander. Nur ihr alter Captain sprach kein Wort, sondern freute sich still über die Träume seiner Mannschaft.

    Auf See gab es viele Abenteuer zu bestehen. Die Seeleute mussten mit Flauten, mit Stürmen, mit dem Hunger und sogar mit Piraten kämpfen. So mancher zahlte einen hohen Preis für das Abenteuer, doch die Hoffnung auf das neue Land starb nie. Und dann, nach neun Jahren Irrfahrt rund um den Globus lag sie vor ihnen, die neue Insel. Sie war auch auf den besten Seekarten nicht verzeichnet. Es gab keinen Zweifel, sie hatten neues Land entdeckt.

    Manche waren so aufgeregt, dass sie es im Schiff nicht aushielten, sondern raussprangen und der Insel entgegen schwammen. Was für eine Freude endlich am Ziel zu sein. Und die Insel übertraf alle ihre Erwartungen. Sie war noch schöner, noch größer und noch anderser als ihre blühensten Fantasien. Pflanzen in allen Farben des Regenbogens. Neue Tierarten, die so gar nicht an das gewohnte erinnerten. Und dabei doch von einer derart schlichten Schönheit und Eleganz, dass einem ihre Existenz als absolut einleuchtend erschien, während einem die Gestalt so manches uns bekannten Tieres auf einmal abwegig vorkam. Vögel die Lieder zwitscherten, dass man ihnen Stundenlang zuhören mochte. Insektenschwärme, die mit ihren Flugbahnen wunderschöne Muster in die Luft malten. Und es gab tatsächlich echte Meerjungfrauen. Die nächsten Wochen verbrachten sie damit, alles zu entdecken. Alles musste angefasst werden. Neue Früchte, neue Gerüch und neue Geschmäcker wollten gekostet werden. Für die schönsten und auffälligsten Tiere und Pflanzen überlegten sie sich Namen. Eine Baumart etwa, mit riesigen Blättern, in denen man bequem schlafen konnte, nannten sie Hängemattenbaum.

    Eines Abends sagte einer von ihnen: “Alle werden unserer Geschichte hören wollen. Wir werden berühmt!” Ein anderer pflichtete bei: “Sie werden uns ein Denkmal errichten.” Und wieder ein anderer bemerkte, dass die Insel sicher nach ihrem Captain benannt werden würde. Aber der Captain wiegelte ab. “Wisst Ihr noch wie es war, als wir die Insel gefunden haben?” Sie antworteten: “Captain, es war der schönste Tag unseres Lebens!” - “Das kann Euch keiner mehr wegnehmen. Ich wünschte mehr Menschen hätten einmal im Leben das Glück, ein neues Land zu entdecken!”
    Und er befahl seinen Leuten vor der Rückreise alle Spuren ihres Besuches auf der Insel zu beseitigen. Alles sollte wieder unberührt aussehen. Sie sollten ihre Hütten abreißen und das Holz verbrennen und die Asche ins Meer streuen. Sie sollten sogar die Fußspuren im Sand hinter sich verwischen. Und sie legten ein Schweigegelübde ab. Niemand würde die Insel jemals erwähnen.

    Nach ihrer Heimkehr ließen sich die Seefahrer in einem kleinen Fischerdorf nieder. Von ihrer Entdeckung erzählten die sie niemanden außer ihren Frauen und Kindern und die hielten still. Der Captain eröffnete eine Seemannskneipe und einmal in der Woche trafen sie sich dort alle, um von jenen Tagen auf der Insel zu sprechen. Das waren immer die schönsten Stunden der Woche.

    Einige Jahre darauf lief ein Schiff in den Hafen ein und die Besatzung kehrte gleich als erstes in die Seemannskneipe ein. “Wir haben eine neue Insel entdeckt!” riefen sie. Und sie hatten etliche Mitbringsel von jener Insel dabei, unter anderem eines der riesigen Hängemattenbaumblätter. Kein Zweifel, sie hatten die gleiche Insel entdeckt. Ihre Augen leuchteten während sie alles haargenau berichteten. Die anderen Dorfbewohner sogen jede Einzelheit auf und konnten gar nicht genug davon hören.

    Nur unsere Mannschaft und ihr Captain sagten kein Wort, sondern hörten still zu. Immer wieder lächelten sie sich verschmitzt zu und waren einfach nur Glücklich über die Freude der anderen.